Historische Forschung & Archivrecherche

  • Kleiner Exkurs: Wissenswertes zur Deutschen Schreibschrift

    Im deutschen Sprachraum war bis in das erste Drittel des 20. Jahrhunderts die sogenannte Deutsche Kurrentschrift als gängige Alltags- und Verkehrsschrift vorherrschend. Diese sehr geschwungene Schrift zeichnet sich vor allem durch spitze Winkel (Spitzschrift) und eine veränderliche Schriftstärke (Schwellzüge) der einzelnen Buchstaben aus.

    Brief der Buchdrucker von Wittenberg an Christian II. von Sachsen aus dem Jahr 1606.
    Die Buchdrucker von Wittenberg an Kurfürst Christian II. von Sachsen, 12.4.1606 (Universitätsarchiv Halle-Wittenberg, Rep. 1, No. 2072 B).

    Bis sich während der 1880er Jahre allmählich die Schreibmaschine durchzusetzen begann, war die Kurrentschrift auch Amts- und Protokollschrift, zum Beispiel in Österreich-Ungarn.

    Kurrent ist nicht zu verwechseln mit Frakturschrift. Dieser Sammelbegriff bezeichnet verschiedene gebrochene deutsche Druckschriften seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Kurrent entwickelte sich zu einer sehr dekorativen Form des Schreibens, war jedoch für Schüler:innen schwer zu erlernen.

    Brief von E. Johanning an Salomon Lachmann vom Hilfskomitee für die russischen Juden Berlin, 9.11.1881.
    Erste Seite eines Briefes des Auswanderungsagenten E. Johanning an den Königlichen Geheimen Kommerzienrat Salomon Lachmann über die Beförderung jüdischer Emigrant:innen aus Russland von Hamburg nach New York, 9.11.1881 (Sonderarchiv Moskau, Bestand 1194, opis 2, Bd. 9, Bl. 110).

    Aus diesem Grund beauftragte das preußische Kultusministerium 1911 den Grafiker Friedrich Sütterlin (1865-1917) mit der Entwicklung einer vereinfachten Schulausgangsschrift, die 1915 eingeführt und später als Sütterlinschrift bekannt wurde.

    Alphabet Sütterlin
    Sütterlinbuchstaben, published 2010 von Stefan Knauf (Wikicommons).

    Mithilfe der Vereinfachung der Buchstabenformen und der Einführung der Kugelspitzfeder als standarisiertem Schreibwerkzeug schuf Sütterlin eine Ausgangsschrift, die ab den 1920er Jahren die Kurrentschrift allmählich abzulösen begann.

    1935 wurde sie verbindlich als Deutsche Volksschrift in den Lehrplan aufgenommen. Die häufig als „Deutsche Schrift“ bezeichnete Sütterlinschrift wird ebenso wie die gedruckte, gotische Frakturschrift oftmals mit der NS-Zeit in Verbindung gebracht.

    Im Rahmen der weltweiten Eroberungs- und Neuordnungspläne der Nationalsozialisten sollte jedoch auch das deutsche Schriftbild standarisiert und auf das gängigere Antiqua-Format umgestellt werden. Daher erfolgte im Januar 1941 das Verbot der gotischen Druckschrift, die von den Nationalsozialisten als „Schwabacher Judenlettern“ diffamiert wurde; am 1. September 1941 folgte eine entsprechende Neuregelung der in Schulen gelehrten Schreibschrift. Per Erlass des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung wurde die lateinische „Normal-Schrift“ ab dem Schuljahr 1941/42 verpflichtend eingeführt.

    Antiqua-Erlass 3.1.1941
    Schrifterlass Antiqua 3.1.1941, veröffentlicht 2008 von OH2000 (Wikicommons).

    Heute unterliegen die deutschen Hand- und Druckschriften der 1964 festgelegten (und umstrittenen) Klassifizierung nach DIN 16518.